Kultursensitive Psychotherapie – oder: Global denken, lokal heilen

Transkulturelle Kompetenz zwischen Krankheitsverständnis, Trauma und therapeutischer Beziehung
Psychotherapeutische Arbeit findet nie im kulturellen Vakuum statt. Menschen bringen Werte, Normen, Deutungsmuster und spezifische Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit mit – und diese prägen, wie Symptome erlebt, benannt und verarbeitet werden. In der Arbeit mit Patient:innen aus anderen kulturellen Kontexten wird dies besonders deutlich. Diagnostik, Beziehungsgestaltung und Intervention können nur gelingen, wenn das jeweilige Krankheitsverständnis verstanden und ernst genommen wird. Kultursensitive Psychotherapie ist damit keine Zusatzqualifikation, sondern eine grundlegende therapeutische Kompetenz.
Aktuelle globale Entwicklungen verstärken diese Anforderungen erheblich. Krieg, politische Umbrüche, Armut und Naturkatastrophen haben weltweit zu Flucht- und Migrationserfahrungen geführt, die häufig mit komplexen psychischen Belastungen einhergehen. Viele Betroffene leiden unter unverarbeiteten traumatischen Erfahrungen, transgenerationalen Belastungen und gleichzeitiger psychosozialer Destabilisierung im Aufnahmeland. Therapeutisch treffen diese Erfahrungen auf neue Normen, Institutionen und eine fremde Sprache – ein Spannungsfeld, das ohne transkulturelles Verständnis leicht zu Fehlinterpretationen und Behandlungsabbrüchen führt.
Was Sie in diesem Kurs erwartet:
Der Kurs vermittelt ein differenziertes Verständnis kultursensitiver Psychotherapie auf der Grundlage aktueller transkultureller Forschung und Psychotraumatologie. Im Fokus stehen kulturspezifische Krankheitsmodelle, Formen der Symptomausprägung und Bewältigungsstrategien in unterschiedlichen kulturellen Kontexten. Die Teilnehmer:innen lernen, wie Empathie, Wertschätzung und Kongruenz gezielt eingesetzt werden können, um tragfähige therapeutische Allianzen aufzubauen. Neue Studien und Behandlungsansätze der transkulturellen Psychotherapie werden vorgestellt und kritisch eingeordnet, mit besonderem Augenmerk auf ihre klinische Umsetzbarkeit.
Konkret werden behandelt:
- Kultur und Krankheitsverständnis
Einfluss von Werten, Normen und religiösen Deutungsmustern auf Symptomatik und Diagnostik. - Transkulturelle Beziehungsgestaltung
Empathie, Haltung und Kommunikation als Grundlage therapeutischer Kooperation. - Trauma, Migration und Entwurzelung
Mehrdimensionale Belastungen durch Krieg, Flucht und Akkulturation. - Psychotraumatologische Perspektiven
Aktuelle Konzepte zu transgenerationalen Traumata und kulturell geprägter Traumaverarbeitung. - Neue Behandlungsansätze
Evidenzbasierte Interventionen der transkulturellen Psychotherapie und ihre Grenzen. - Kritische Reflexion
Risiken von Pathologisierung, Kulturstereotypen und Fehlinterpretationen.
Warum dieser Kurs?
Kultursensitive Psychotherapie gewinnt angesichts globaler Migrationsbewegungen und gesellschaftlicher Vielfalt zunehmend an Bedeutung. Ohne transkulturelle Kompetenz besteht die Gefahr, Symptome falsch zu deuten, Ressourcen zu übersehen oder therapeutische Beziehungen unbeabsichtigt zu destabilisieren. Gleichzeitig eröffnet ein kultursensitiver Zugang neue therapeutische Möglichkeiten und erweitert den Blick auf psychische Gesundheit.
Der Kurs bietet eine wissenschaftlich fundierte, klinisch relevante Orientierung für die Arbeit in transkulturellen Settings. Er richtet sich an Therapeut:innen, die global denken und lokal wirksam heilen wollen – differenziert, reflektiert und professionell.