Risiken und Nebenwirkungen – oder: Wie gefährlich ist Psychotherapie?

Zwischen Wirksamkeit, Verantwortung und therapeutischer Selbstkritik
Psychotherapie gilt weithin als wirksam und sicher – lange Zeit sogar als nahezu frei von Nebenwirkungen. Diese Annahme geht historisch auf frühe psychodynamische Konzepte zurück und hält sich bis heute hartnäckig im professionellen Selbstverständnis vieler Therapeut:innen. Die neuere Forschung zeichnet jedoch ein differenzierteres Bild: Psychotherapie kann unerwünschte Wirkungen haben, die klinisch relevant, belastend und mitunter überdauernd sind. Dazu zählen nicht nur emotionale Belastungen im Therapieverlauf, sondern auch Veränderungen in Beziehungen, Selbstbild oder Lebensführung, die von Patient:innen als schädlich erlebt werden.
Besonders anspruchsvoll ist dabei die Abgrenzung: Was ist Nebenwirkung, was Therapieversagen, was intendierte Hauptwirkung – und was Folge eines Behandlungsfehlers? Die Psychotherapie steht hier vor spezifischen methodischen und konzeptionellen Herausforderungen, etwa durch fehlende standardisierte Erfassungsinstrumente oder einen systematischen Wahrnehmungsbias auf Seiten der Behandelnden. Der Kurs rückt diese blinden Flecken in den Fokus und macht deutlich, dass therapeutische Professionalität auch die Fähigkeit zur kritischen Selbstbeobachtung einschließt.
Was Sie in diesem Kurs erwartet:
Das Seminar vermittelt ein wissenschaftlich fundiertes Verständnis von Nebenwirkungen in der Psychotherapie und ordnet sie klar von anderen negativen Therapieereignissen ab. Auf der Basis etablierter Definitionskriterien wird nachvollziehbar, wann von Nebenwirkungen gesprochen werden kann und welche Formen sie annehmen. Die Teilnehmer:innen lernen typische allgemeine Nebenwirkungen kennen, die nahezu jede Therapie begleiten, ebenso wie methodenspezifische Risiken einzelner Interventionen. Ein zentraler Schwerpunkt liegt auf dem praktischen Umgang: Wie können Nebenwirkungen früh erkannt, systematisch erfasst und therapeutisch verantwortungsvoll bearbeitet werden? Dabei wird deutlich, warum Nebenwirkungsmonitoring kein Zusatz, sondern integraler Bestandteil guter psychotherapeutischer Praxis ist.
Konkret werden behandelt:
- Begriffsklärung und Definitionen
Abgrenzung von Nebenwirkungen, Hauptwirkungen, Therapieversagen und Kunstfehlerfolgen. - Typische Nebenwirkungen psychotherapeutischer Behandlung
Emotionale Belastung, Beziehungsfolgen und Veränderungen der Lebensführung. - Methodenspezifische Risiken
Beispiele wie Angstverstärkung durch Exposition, inadäquate Problemlösungen oder Erinnerungsverzerrungen. - Erfassungsprobleme und Wahrnehmungsbias
Warum Nebenwirkungen häufig übersehen oder unterschätzt werden. - Nebenwirkungsmonitoring im Therapieverlauf
Systematische Beobachtung, Gesprächsführung und Dokumentation. - Implikationen für Ausbildung und Supervision
Nebenwirkungen als regelmäßiger Fokus professioneller Reflexion.
Warum dieser Kurs?
Nebenwirkungen sind kein Randphänomen, sondern ein häufiger Bestandteil psychotherapeutischer Prozesse. Sie zu ignorieren oder zu bagatellisieren gefährdet nicht nur Patient:innen, sondern auch die therapeutische Beziehung und die Glaubwürdigkeit des Fachs. Gleichzeitig ermöglicht ein reflektierter Umgang mit Risiken eine vertiefte therapeutische Kompetenz und höhere Behandlungsqualität.
Der Kurs stärkt die Fähigkeit, Psychotherapie realistisch, verantwortungsvoll und wissenschaftlich fundiert zu betrachten. Er richtet sich an Therapeut:innen, die Wirksamkeit nicht von Nebenwirkungen trennen, sondern beides zusammendenken – im Sinne einer professionellen, aufgeklärten und ethisch reflektierten psychotherapeutischen Praxis.