Über Tisch und Bänke oder still und verpeilt: AD(H)S als oft übersehene Diagnose mit hoher Relevanz

Erkennen, einordnen und therapeutisch wirksam begleiten im Erwachsenenalter
AD(H)S im Erwachsenenalter gehört zu den folgenreichsten und zugleich am häufigsten übersehenen Diagnosen in der psychotherapeutischen Versorgung. Trotz einer Prävalenz von rund vier Prozent wird nur ein Bruchteil der Betroffenen leitliniengerecht diagnostiziert und behandelt. In der klinischen Praxis erscheinen diese Patient:innen häufig mit wechselnden Symptombildern: affektive Instabilität, Antriebsschwankungen, chronische Überforderung, Beziehungsprobleme oder wiederholte berufliche Brüche. AD(H)S bleibt dabei oft im Hintergrund – verdeckt durch Komorbiditäten oder missverstanden als Persönlichkeitsstil, mangelnde Motivation oder fehlende Selbstdisziplin.
Unbehandelt entfaltet AD(H)S jedoch eine erhebliche klinische Dynamik: Hohe Raten psychischer Begleiterkrankungen, somatische Belastungen, ein deutlich erhöhtes Unfallrisiko und biografische Verläufe, die weit hinter dem tatsächlichen Potenzial zurückbleiben. Therapeutisch ist AD(H)S damit kein Randthema, sondern ein zentraler Schlüssel zum Verständnis vieler chronischer, scheinbar therapieresistenter Verläufe. Gleichzeitig zeigt sich: Wird AD(H)S erkannt und angemessen behandelt, eröffnen sich oft überraschend schnelle und nachhaltige Veränderungsprozesse – für viele Betroffene erstmals nachvollziehbar und entlastend.
Was Sie in diesem Kurs erwartet
Der Kurs vermittelt ein klares, klinisch fundiertes Verständnis von AD(H)S im Erwachsenenalter und seiner Bedeutung für Diagnostik, Therapieplanung und therapeutische Beziehung. Im Fokus stehen die spezifischen Erscheinungsformen jenseits kindlicher Hyperaktivitätsstereotype sowie die hohe Komorbidität mit affektiven, angstbezogenen, suchtbezogenen und psychosomatischen Störungen. Sie lernen, AD(H)S differenziert zu erkennen, diagnostisch sicher einzuordnen und therapeutisch wirksam zu begleiten. Neben störungsspezifischer Psychoedukation wird deutlich, wie Ressourcenorientierung, Struktur und Haltung zusammenspielen, um Selbstwirksamkeit statt chronischer Selbstabwertung zu fördern.
Konkret werden behandelt:
- AD(H)S im Erwachsenenalter
Typische Präsentationsformen zwischen Überaktivität, innerer Unruhe, Erschöpfung und scheinbarer Passivität. - Diagnostik und Komorbiditäten
Differenzierung von AD(H)S gegenüber Depression, Angst, Persönlichkeitsakzentuierungen und Traumafolgestörungen. - AD(H)S erkennen im therapeutischen Gespräch
Klinische Hinweise, typische Fallstricke und diagnostische Fehlannahmen. - Therapeutische Interventionen
Psychotherapeutische Ansatzpunkte, strukturgebende Interventionen und Zusammenarbeit im multimodalen Setting. - Psychoedukation als therapeutischer Schlüssel
Vermittlung eines verstehbaren Krankheitsmodells zur Entlastung von Schuld- und Versagenszuschreibungen. - Ressourcen und Stärken von AD(H)S-Betroffenen
Kreativität, Spontaneität, Hyperfokus und deren therapeutische Nutzbarmachung.
Warum dieser Kurs?
AD(H)S wird im Erwachsenenalter noch immer zu selten erkannt – mit gravierenden Folgen für Betroffene und ihre Lebensverläufe. Die hohe Komorbidität und die unspezifische Symptomatik führen dazu, dass Therapien häufig an der Oberfläche bleiben oder unnötig chronifizieren. Gleichzeitig zeigt die Versorgungspraxis, dass AD(H)S bei adäquater Diagnostik eines der Störungsbilder in Psychiatrie und Psychotherapie ist, das ausgesprochen gut behandelbar ist.
Der Kurs schärft den diagnostischen Blick, vermittelt therapeutische Sicherheit und erweitert die Fähigkeit, Patient:innen nicht länger an ihren Defiziten, sondern an ihrem tatsächlichen Funktionsprofil zu verstehen. Damit wird AD(H)S von einer übersehenen Diagnose zu einem zentralen Schlüssel für wirksame psychotherapeutische Arbeit.